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Kapitän Matthias Faißt: „Müssen uns von der Last befreien, die uns derzeit hemmt.“

Kapitän Matthias Faißt: „Müssen uns von der Last befreien, die uns derzeit hemmt.“

Matthias Faißt, 28-jähriges Rückraum-Ass und Abwehrdirigent der HSG Konstanz, kam 2007 vom TuS Schutterwald an den Bodensee und entwickelte sich zu einem absoluten Führungsspieler und Leistungsträger. In dieser Saison führt er als mittlerweile dienstältester Drittligaspieler der HSG das sehr junge Team in der insgesamt vierten Saison als Mannschaftskapitän an. Der in Sulz am Neckar geborene 1,92 Meter große Rückraumkanonier hat bereits ein Lehramtsstudium mit den Fächern Englisch und Mathematik abgeschlossen und qualifiziert sich derzeit mit einem Studium der Wirtschaftswissenschaften weiter. Trotz des Verlustes seines jüngeren Bruders Sebastian Faißt, Handball-Bundesliga- und Nationalspieler, im Jahr 2009 wird er von seinen Mitmenschen stets als smart, ehrgeizig und zielstrebig, aber vor allem als äußerst offener, hilfsbereiter, warmherziger und lebensbejahender Mensch beschrieben, der ihnen immer mit einem Lächeln im Gesicht begegnet. Im Gespräch mit HSG-Pressesprecher Andreas Joas spricht er vor dem Heimspiel am Samstag um 20 Uhr in der Schänzlehalle gegen das Spitzenteam Heilbronn/Horkheim über die aktuelle schwierige Situation mit der HSG Konstanz. Zudem erklärt er nicht nur seine Rolle als Kapitän einer sehr jungen Mannschaft und die möglichen Wege aus der aktuellen Situation, sondern spricht auch in bewegenden Worten über die für ihn sehr große Bedeutung seines Glaubens.

 

Matze, Du hast zuletzt in der Saison 2011/12 das Kapitänsamt bei der HSG Konstanz inne gehabt. Nun wurdest Du von Vorstandschaft, Trainer und Team gleichermaßen wieder zum Kapitän des sehr jungen Teams bestimmt. Was bedeutet dieses Amt für Dich?

 

Das ist eine Ehre für mich, denn ich übernehme die Verantwortung sehr gerne und habe mich über die Entscheidung von Mannschaft, Trainer und Vorstandschaft sehr gefreut. Gleichzeitig bedeutet das für mich allerdings auch zusätzlichen Druck, der auf mir lastet. Man steht im Rampenlicht, vor allem wenn es nicht so gut läuft. Als erfahrenerer Spieler, der schon eine Weile dabei ist, nehme ich die Verantwortung jedoch gerne an – auch wenn ich mich zunächst, wie alle anderen auch, an meinen eigenen Leistungen messen lassen muss. Ich möchte vor allem in Sachen Einstellung und Professionalität durch mein Verhalten als Vorbild vorangehen.

 

Mit 1:7 Punkten ist der Saisonstart nach toller letzter Saison mit dem vierten Platz und einer guten Vorbereitung missglückt. Was sind aus Deiner Sicht die Gründe dafür, dass es auf einmal nicht mehr richtig rund läuft?

 

Wir sind ein sehr junges Team mit vielen unterschiedlichen Charakteren. Solch junge Teams können, wenn alles passt, sehr gute Leistungen abrufen. Allerdings fehlt diesen auch immer wieder die Stabilität, das vorhandene Potenzial jedes Mal abzurufen. Vorbereitungsspiele sind immer eine ganz andere Sache als Punktspiele, dort ist der Druck nicht vorhanden. Es ist leichter, dort aufzuspielen, da die Erwartungen noch nicht in dieser Form da sind und man einiges ausprobieren kann. Nach der Vorbereitung kann es meiner Erfahrung nach in alle Richtungen gehen. So habe ich schon mehrmals einen guten Saisonstart nach einer missratenen Vorbereitung ebenso wie jetzt nach einer guten Vorbereitung einen missglückten Auftakt in die Runde erlebt. Wenn es nicht läuft, beginnt man dann etwas zu zweifeln. Wir waren gut drauf, die Breite im Kader ist nun auch da, am Kreis sind wir erfahren besetzt – da wollte jeder in dieser Saison angreifen. Diese Euphorie kann aber, wenn es nicht läuft, in das Gegenteil umschlagen und es kann sich schnell Verunsicherung breit machen. Jeder wollte es dann besonders gut machen und dem Team mit etwas ganz Besonderem weiterhelfen.

 

Wie kann man sich aus diesem Negativlauf befreien?

 

Es muss wieder jeder Spieler sein zweifellos vorhandenes Potenzial abrufen. Es muss der Spaß zurückkommen, die Leichtigkeit und Spielfreude. Wir müssen uns von der Last befreien, die uns derzeit hemmt. In der Gemeinschaft müssen wir daran arbeiten, dass genau diese Freude am Spiel und nicht die Last bzw. der Druck überwiegt. Im Sport sind die Leistungsschwankungen – gerade was die Psyche angeht – noch viel extremer als im Beruf. Auch wenn man weiß, was man kann und was wichtig ist und die Einstellung stimmt: das gerade im Sport für die Automatismen so wichtige Selbstvertrauen muss man sich immer wieder aufs Neue hart erarbeiten. Zudem haben wir uns gegen die offensiven Abwehrformationen extrem schwer getan, in der Vorbereitung haben wir nur gegen defensive Abwehrreihen gespielt. Die Umstellung haben wir nicht so gut hinbekommen. Wir müssen geduldiger sein und uns die Chance herausspielen, da reichen eben nicht nur ein paar Pässe, und jeder muss für den anderen spielen. Insgesamt muss der Ball besser durch unsere Reihen laufen und in den Eins-gegen-eins-Situationen müssen wir uns cleverer anstellen. An unserem Laufspiel sowie der nötigen Sicherheit müssen wir arbeiten – und die nötige Geduld mitbringen. Handball ist ein sehr schneller und intelligenter Sport, bei dem man sich in kürzester Zeit gedankenschnell für die richtige Option entscheiden muss. Somit kommt der Sicherheit und dem Selbstvertrauen in den in Sekundenbruchteilen ablaufenden Automatismen eine entscheidende Bedeutung zu – sonst triffst Du die falsche Entscheidung oder zögerst zu lange.

 

Ist die 3. Liga stärker als in den vergangenen Jahren?

 

Sie ist ausgeglichener und unberechenbar. Dadurch ist sie extrem gefährlich. Viele Teams haben einen größeren personellen Umbruch hinter sich, es sind viele neue junge Spieler dazugekommen. Es ist jedoch normal, dass diese mitunter auch großen Leistungsschwankungen unterliegen. Das sieht man gerade bei uns. Wir haben viele junge und relativ neue Spieler wie Paul Kaletsch, Felix Krüger, Max Folchert und einen Matthias Stocker, die auf zentralen Positionen Verantwortung übernehmen müssen. Dass dies nicht immer in gleicher Stärke geschieht, ist völlig normal.

Matthias Faißt in Action

 Wie siehst Du den aktuellen Kader und die jungen Spieler, die vor der aktuellen Saison dazu gestoßen sind?

 

Sie haben alle das Potenzial, in der 3. Liga spielen und uns helfen zu können. Auf dem Weg nach oben müssen sie lernen, ihre individuellen Stärken bestmöglich in das Kollektiv einzubringen. Die jungen Spieler sollten sich deshalb nicht so viele Gedanken machen, sondern ihre eigene Entwicklung vorantreiben. Sie müssen an sich arbeiten und versuchen, sich jeden Tag zu steigern. Mit der nötigen Geduld und Disziplin werden sie den Weg nach oben schaffen.

 

Nach dem nach großem Kampf verlorenen Südbaden-Derby in Teningen kommt mit dem TSB Heilbronn/Horkheim am Samstag um 20 Uhr ein echtes Spitzenteam in die Schänzlehalle, das sich in dieser Saison erst einmal ganz knapp geschlagen geben musste. Wie werdet Ihr in dieses wichtige Heimspiel gehen?

 

Wir müssen Punkte für das Selbstvertrauen sammeln, denn der Druck ist da. Es wird harte Arbeit und Zeit brauchen, um uns aus der derzeitigen Situation herauszuarbeiten. Wir müssen das Positive aus den letzten Spielen herausziehen und die Dämpfer loswerden. Was ich bereits angesprochen habe, zeigt sich bei Heilbronn in genau entgegengesetzter Weise: Sie haben mit einem ebenfalls jungen Team einen guten Start hingelegt und können seitdem befreit aufspielen. Auch in Konstanz haben sie nichts zu verlieren. Das macht es für uns umso schwerer, wir brauchen eine Topleistung, um sie bezwingen zu können. Ich erwarte von jedem Einzelnen noch mehr Ernsthaftigkeit und den unbedingten Willen. Der Ball muss mit aller Wucht in das Tor, egal wie – da helfen keine Dreher oder lockeren Würfe. Wir befinden uns in einer schwierigen Situation, wo jeder schnell wieder verinnerlichen muss, was er kann und machen muss. Der Gedanke an das Einlaufen in die Schänzlehalle muss uns wieder Flügel verleihen, auch wenn man die Erwartung der 800 Zuschauer wahrnimmt. Davon müssen wir uns befreien, dann wird es mit der phantastischen Unterstützung von den Rängen für jede Mannschaft schwer, hier in unserer „Schänzle-Hölle“ zu gewinnen. Wir müssen uns immer wieder klar machen, was es für ein Glück und eine Ehre ist, vor solch einer tollen Kulisse spielen zu dürfen – ohne dabei Druck zu verspüren.

 

Du hast seit einiger Zeit mit Schulterproblemen zu kämpfen und hast Dir zuletzt im Training unglücklich das Knie verdreht und daraufhin pausieren müssen. Ist die Verletzung so schlimm, wie zunächst angenommen?

 

Es ist nicht so schlimm, wie befürchtet. Alle Bänder und die Menisken sind in Ordnung. Ich habe jedoch eine Einblutung am Oberschenkelknochenansatz, die mir Schmerzen bereitet und mich instabil macht. Deswegen muss ich noch mindestens eine Woche pausieren, um die Schwellung, die Schmerzen und die Instabilität loszuwerden. Das heißt, ich werde dieses Wochenende nicht spielen können, hoffe aber die Woche darauf wieder einsatzbereit zu sein. Meiner Schulter geht es immer besser, die Kurve zeigt nach oben und ich habe immer weniger Schmerzen. Blessuren wird es immer geben und die Anstrengungen machen sich immer wieder bemerkbar. In dieser Saison haben wir aber viele Spieler, so dass sich die Entlastungen positiv bemerkbar machen.

Matthias Faißt im letzten Heimspiel

Du studierst nun nach Mathematik und Englisch auf Lehramt – wie so viele im Team der HSG – Wirtschaftswissenschaft und strebst den Bachelor innerhalb von nur zwei anstatt drei Jahren an. Was macht Dir mehr Spaß und was hast Du für Zukunftspläne?

 

Wirtschaftswissenschaft interessiert mich sehr, allerdings reicht es mir auch langsam mit der Theorie. Ich bin sehr begeisterungsfähig und mache alles, was ich anpacke, mit dem nötigen Ernst. Nach dem Studium möchte ich in das Referendariat gehen, da muss ich abwarten, wo ich einen Platz bekomme und wie ich die Doppelbelastung Handball und Referendariat meistern kann. Mein Wunsch ist es aber, wenn möglich, hier zu bleiben, weil ich mich unglaublich wohl und wertgeschätzt fühle.

 

Seit 2007 bist Du ein Teil der HSG und damit mittlerweile der dienstälteste Spieler im sehr jungen Drittligakader der HSG Konstanz. Was verbindest Du mit diesem Verein?

 

Ich bin sehr dankbar, die Chance erhalten zu haben, mich in der 3. Liga beweisen zu dürfen. Man kommt als junger Mensch in ein neues Umfeld und muss sich zurecht finden. Ich bin super aufgenommen worden und konnte mich dank intensiver Arbeit mit Dani (Cheftrainer Daniel Eblen, d. Red.) in Zusatzeinheiten und dank toller Förderung positiv weiterentwickeln. Es ist eine Ehre, hier spielen und sich entwickeln zu dürfen. Mein Bruder ist gestorben, als ich 23 Jahre alt war. Ich stand damals vor der Entscheidung, welche Herausforderung ich suche. Mir ist damals klar geworden, dass es Wichtigeres gibt als Handball. Für mich war immer entscheidend, mich wirklich wohl zu fühlen. Hier geht es mir gut, hier spüre ich den Respekt und die Anerkennung der Fans, die immer für eine geniale Atmosphäre sorgen. Ich schätze es sehr, wie mir hier alle begegnen und was für tolle Mitspieler ich hier habe. Ehrgeiz, Wille und ein bisschen Talent hatte ich, aber nur durch die Arbeit an mir bin ich da, wo ich jetzt bin. Ich möchte gerne etwas zurückgeben und hier etwas erreichen.

 

Wie hast Du die Entwicklung des Vereins und der Mannschaft in den letzten Jahren erlebt?

 

Der Verein hat eine sehr positive Entwicklung gemacht. Es ist nach wie vor ein familiärer Verein, der seine Strukturen aber enorm weiterentwickelt und verbessert hat. Am Anfang waren es ein paar wenige, die alles schultern mussten und zwangsläufig an Grenzen gestoßen sind. Es war zwar viel Einsatz vorhanden, aber alles kann man nicht alleine managen. Wir haben klein angefangen, auch mit kleinem Kader, bis das Marketing und das Umfeld professionalisiert und die Marke HSG gepusht werden konnte. Man kann nur den Hut ziehen, was hier jeder Einzelne leistet. Ich möchte den vielen ehrenamtlichen Helfern auf diesem Wege einmal danken: Ohne Euer Engagement wäre das alles und solche Highlights wie der Superball nicht möglich! Ich wollte immer im sportlichen Bereich und im Team als Kapitän meinen Teil zur Weiterentwicklung beitragen.

 

Dein Lebensmotto ist, trotz vieler schwerer Stunden schon in jungen Jahren, „Das Leben ist schön!“ Jeder der Dich kennt, weiß, dass Du immer positiv denkst und immer ein Lächeln im Gesicht trägst. Hilft Dir Dein Glaube, so offen und lebensbejahend durch das Leben zu gehen?

 

Ich bin fest davon überzeugt, dass bei noch so schwerem Schicksal am Ende alles gut wird. Ich begreife das Leben als Geschenk. Wir alle lassen uns leider viel zu oft durch unsere Sorgen und Nöte sowie Nichtigkeiten das Schöne nehmen. Wir sollten alle regelmäßig innehalten und uns vor Augen führen, was wir haben. Jeder wird Schönes bei sich finden, seine Frau, Familie, den Job oder etwas anderes Positives. Wenn wir das mehr in den Vordergrund rücken, können wir alles gelassener und positiver angehen. Der Glaube hilft mir herunterzukommen, ein Gebet nimmt mir den Druck. Dieses Ritual, in das ich auch immer meinen Bruder mit einbeziehe, hilft mir sehr zu verstehen, dass es Wichtigeres gibt. Ich lasse mich nicht runterziehen, sondern freue mich auf das Schöne im Leben. So kann man auch mit Schicksalsschlägen umgehen, denn auf die Frage nach dem Warum wird es keine Antwort geben. Der Glaube hilft, Schmerz und Verlust annehmen zu können.

 

Eines Deiner Hobbys ist Brot backen. Das musst Du erklären. Hat das auch eine besondere Bedeutung für Dich?

 

(lacht) Ich backe sehr gerne und finde in der Küche Ruhe. Ich backe von Hand und probiere verschiedene Mischungen aus. Ich möchte mir und meiner Freundin Elli damit etwas Gutes tun. Frisches, selbst gebackenes Brot ist nicht zu übertreffen. Gerade im Winter geht es mir nach einer leckeren Suppe und einem selbstgemachten Brot einfach gut. Es sind eben die kleinen Dinge, die uns die größte Freude bereiten.

 

Die Fragen stellte Andreas Joas

 

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