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Sportchef Andre Melchert: „Galligkeit verinnerlichen, Ressourcen optimal nutzen“

Andre-Melchert-Sportchef-HSG-Konstanz Mit viel Vorfreude aber vor allem Willen in die neue Saison: Das wünscht sich HSG-Sportchef Andre Melchert.

Die Euphorie und Vorfreude in Konstanz auf die 2. Handball-Bundesliga ist groß. Sportchef Andre Melchert schätzt die Lage drei Wochen vor dem Saisonstart am 24. August bei Ex-Erstligist TV Hüttenberg ein. Der 39-jährige gebürtige Velberter ist seit 2002 bei der HSG Konstanz. Zunächst als Spieler in der 2. Bundesliga (rechter Rückraum und Kreis) und ab 2009 als Co-Trainer. Seit 2014 ist der leidenschaftliche Schalke-Anhänger zudem Sportlicher Leiter. Der 1,94 Meter große Applications-Manager ist verheiratet und hat drei Töchter.

 

Im Interview mit HSG-Pressesprecher Andreas Joas spricht er über mögliche Transfers, die wirtschaftliche Komponente und eine Redensart aus dem Ruhrpott. „Kratzen, beißen, spucken“, soll exemplarisch für die geforderte Galligkeit stehen, die Grundvoraussetzung für die Mission Klassenerhalt in der stärksten zweiten Liga aller Zeiten sei, so Melchert.

 

Andre, der Saisonstart in der 2. Bundesliga rückt immer näher. Ist der Kader komplett und die Mannschaft gut aufgestellt für diese Herausforderung?

Es kann sein, dass sich noch etwas ergibt, wahrscheinlich aber bleiben wir beim derzeitigen Aufgebot. Natürlich beschäftigt man sich immer mit Verstärkungen, derzeit ist aber kein Spieler auf dem Markt, der in unser Konzept passt. Daher werden wir auch nichts über das Knie brechen.

 

Ist die HSG stärker als beim letzten, zweijährigen Gastspiel in der stärksten zweiten Liga der Welt?

Sie ist nun erfahrener. Die meisten kennen die 2. Liga nun. Und wir haben gute Leute dazubekommen. Erfahrener heißt aber nicht automatisch erfolgreicher. Wir müssen wieder diese Galligkeit verinnerlichen wie nach dem Aufstieg 2016. Im Ruhrpott sagt man: Kratzen, beißen, spucken. Wir werden nur eine Chance haben, wenn wir immer alles reinwerfen. Wir wollen mehr Körner als andere geben.

 

Wie stark ist die 2. Bundesliga im Jahr 2019?

Nochmals weitaus stärker, als wir sie aus den Jahren 2016 bis 2018 kennen. Es steigt nun zwar eine Mannschaft weniger ab, aber den meisten etablierten Mannschaften traut man einen Abstieg schlicht nicht zu. Die Liga ist sehr ausgeglichen, sehr stark. Das wird heftig.

 

Strukturell hat die HSG in den letzten Jahren viel investiert. Sind die Früchte schon zu erkennen?

Hier haben wir uns in den letzten Jahren extrem verbessert. Mit Cleo Oexle und Jessica Bregazzi haben wir zwei hauptamtliche Athletiktrainerinnen, die sich individuell um die Spieler kümmern und passgenaue Programme erstellen. Das macht die Jungs nochmal stärker und besser. Athletisch sind alle Spieler in der Liga auf Topniveau, da wollen wir mithalten. Gelingt uns das, bleiben noch die Einstellung, der Wille und die spielerische Komponente als Entscheidungskriterium. 

 

Was könnte dabei Trumpf im Kräftemessen mit erfahreneren Gegnern sein?

Die Einstellung. Wir müssen jedes Spiel, komme was wolle, gewinnen wollen. Dazu unsere Heimstärke (nur eine Heimniederlage in der letzten Saison, d. Red.). Wir müssen unsere laute Halle für uns nutzen und die Fans mitreißen. Und dann heißt es jede Möglichkeit zu ergreifen, keine Punkte zu verschenken und daheim auch mal gegen die Topteams Zählbares einzusammeln. Die Fans geben Selbstvertrauen und Sicherheit. Das ist für eine junge Mannschaft sehr wichtig.

 

Sicher auch beim Saisonstart mit Spielen in Hüttenberg und in der „Schänzle-Hölle“ gegen Bietigheim und Hamm, drei Ex-Erstligisten und Aufstiegskandidaten…

Da ist alles möglich: 0:6 Punkte, man kann aber auch überraschen und über sich hinaus wachsen. Es gilt, unsere Chance zu sehen und das Publikum mitzunehmen. Favorit sind die anderen, wir werden aber einen heißen Kampf liefern.

 

Das Ziel dürfte klar, aber nicht leicht zu erreichen sein: Klassenerhalt.

Es geht keiner davon aus, dass wir dies bereits zu Weihnachten erreicht haben. Es wird sicher eine schwierige Saison. Es wird mehrere Niederlagen hintereinander geben. Dann müssen wir zusammenhalten, als Team auftreten und nicht nervös werden. So kann das was werden – aber auch nur so werden wir bestehen. Das Ziel ist der Klassenerhalt, dafür muss jeder alles tun und diesem Ziel alles unterordnen.

 

Welchen Eindruck haben die Neuzugänge bislang hinterlassen?

Fynn Beckmann ist ein ganz anderer Spieler als Felix Krüger auf Halbrechts. Er ist spielerisch ein anderer Typ und tut uns gut. Aron Czako ist noch sehr jung, hat seine Sache aber gut gemacht. In den Testspielen haben wir zudem gesehen, dass Michael Haßferter ein sehr guter Torwart ist. Man muss allen unseren Neuzugängen Zeit zum Einleben geben, aber ich bin mit allen zufrieden. Sie werden uns auf jeden Fall weiterhelfen.

 

Die Grenze dabei ist stets ein seriöses Wirtschaften. Von der HBL bekam die HSG bescheinigt, „ein gut aufgestelltes Unternehmen mit positivem Eigenkapital“ zu sein.

Wir machen, was wir können – aber wir übernehmen uns dabei nicht. Wir wollen unsere Ressourcen optimal nutzen. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn das nicht reichen sollte, nehmen wir nochmal einen Anlauf. Wir geben nur das aus, was wir haben.

 

Wie stufst Du den Verlauf der Vorbereitung ein?

Die Jungs sind fit. Wir trainieren täglich zweimal, im Trainingslager noch häufiger. Unsere beiden Athletiktrainerinnen haben die Jungs sehr fit gemacht. Jetzt müssen wir zusehen, dass uns weniger Fehler unterlaufen, aber das kommt. In den letzten Wochen vor dem ersten Ligaspiel sind sie zu minimieren.

 

Wenn Du beschreiben müsstest, was die Mannschaft und die HSG auszeichnet. Was sagst Du?

Das Team zeichnet sich durch einen guten Zusammenhalt aus. Wir wissen, was auf uns zukommen wird. Dazu kommt die jugendliche Unbekümmertheit, mit der wir als Underdog und frei an die Aufgaben herangehen. Wir wollen die Liga halten, machen uns aber nicht verrückt und keine unüberlegten Dinge dafür. Wir arbeiten normal weiter. Die HSG zeichnet ein ruhiger Kopf aus, in guten wie in schlechten Zeiten.

 

Fragen: Andreas Joas

 

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